ADG Campus

    Synapsenalarm im Wald

    von Antonio De Mitri

    Interview mit Erwin Schottler: Am Rande des Pfälzer Waldes wohnt ein Urgestein mit Rauschebart. Nein, das ist nicht der Anfang eines Märchens, sondern der Beginn einer Reportage über einen der ungewöhnlichsten Coaches in Deutschland. Auch in der Genossenschaftswelt hat er einen festen Namen.

    Man erkennt ihn schon von Weitem – an seinem prächtigen weißen Rauschebart. Und dann, etwas näher betrachtet, dieses lebensfrohe Lächeln. „Hallo, ich bin der Erwin!“ Okay, das ist schon mal geklärt. Man ist sofort beim „Du“. Und anders kann man es sich bei Erwin Schottler auch nicht vorstellen, der sich am Telefon mit „Büro für gute Laune“ meldet. Gute Laune verspürt man von Anfang an, wenn man mit Erwin Schottler spricht. Seinem drahtigen Körper sieht man die 70 nicht an, die er bald erreicht hat. Aber was wäre auch anderes zu erwarten von einem Mann, der von Kindesbeinen an einen Großteil seiner Freizeit immer im Wald verbracht hat?

    Buchstäblich: „Ich war elfeinhalb Monate alt, da habe ich schon die ersten Schritte am Donnersberg gemacht.“


    Am sagenumwobenen Donnersberg zu Hause

    Der Donnersberg ist für Erwin Schottler so etwas wie seine seelische Heimat. Denn der Pfälzer wohnt nur einen Steinwurf entfernt von dieser sagenumwobenen Erhebung. Sooft er kann, wandert er die 686 Meter hoch bis zum Gipfel oder besucht das Oppidum in den Hochlagen, eine der größten keltischen Wallanlagen Mitteleuropas. Dass Erwin nebenbei bemerkt, Vorsitzender der Donnersberger Kelten zu sein, wundert da ebenso wenig wie die Tatsache, dass er auch schon Führungen als Druide verkleidet gehalten hat.


    Kraft in der Ruhe der Natur finden

    Keine Frage, Erwin Schottler ist ein echtes Urgestein. Ein „Typ“, würde man sagen. Einer, dem man nichts vormachen kann. Denn er hat die Menschen kennengelernt in seinem bunten Leben. Förster wollte er werden, „aber do hat’s Geld für de Oberschul’ ned gereicht“, erzählt er mit seinem pfälzischen Zungenschlag. Also wurde er Dreher. Nach der Ausbildung ging er zur Polizei, wo er im „Deutschen Herbst“ 1977 schließlich zum Spezialeinsatzkommando wechselte, als Personenschutz für Politiker. „Aus Überzeugung“, wie Erwin Schottler hinzufügt. „Ich wollte meinen Beitrag zur Sicherheit in dieser aufgeladenen Zeit leisten.“ Wann immer es ging, zog es Schottler weiterhin in den Wald. Oft allein, denn Ruhe und Einsamkeit in der Natur sind seine Kraftquellen – bis heute.

    Manchmal sagt er seiner Frau: „Ich bin ein paar Tage weg.“ Und dann weiß sie: Der Erwin muss wieder auftanken. Neben dem Wald sind es vor allem die hohen Berge, allen voran die Dolomiten in Südtirol, die ihn rufen. „Allein den Klettersteig an der Sella zu nehmen, das ist das Schönste für mich.“ Über die Liebe zur Natur kam Schottler zu dem, was er heute als Coach unter anderem anbietet – seine „Walkshops“ und „Ge(h)spräche“ für Unternehmen. Angefangen hatte alles, als seine Frau Waltraud ein Hotel aufmachte. „Da bin ich am Wochenende mit den Gästen in den Wald gegangen und habe gemerkt, wie gut es denen tat.“ Für ihn eine unerwartete Erfahrung. „In den Wald zu gehen, um meine Reserven aufzufrischen, war für mich ja völlig normal. Aber dass es Menschen gibt, für die solche Momente in der Natur völlig ungewohnt sind – das wurde mir damals erst klar.“ Aber warum ist das so? 

    „Wir sind zu Getriebenen der Maschinen geworden, von denen wir uns abhängig machen.“ Allen voran das Smartphone. „Das erspart uns nicht Zeit, es nimmt sie uns.“

    Ein Grund, warum Erwin Schottler das Gerät oft ausschaltet, um wieder ganz Herr seiner Zeit zu werden. „Und um etwas enorm Wichtiges bei mir zuzulassen: Ruhe.“ Denn nur wer zur Ruhe kommt, so sein Credo, kommt auf die besten Ideen. Die Seele baumeln lassen, seinen Gedanken nachhängen. „Das können viele Menschen doch gar nicht mehr.“ 

    Wenn der Pfälzer heute mit Firmenteams in den Wald geht, lässt er sie erst einmal ankommen. „Raus aus den vier Ecken, rein in die fünf Sinne“, nennt er das. Wer durch den Wald geht, bekommt Tausende von Meldungen an den ganzen Körper: Licht, Temperatur, Gerüche, Geräusche, der unebene Boden – lauter Reize, die auf den Menschen einprasseln. „Das ist dann der reinste Synapsenalarm.“

    Erwin Schottler muss lachen. Den Begriff liebt er.


    In den Dialog treten, Vertrauen zueinander gewinnen

    Den Teilnehmern gibt er bei den „Ge(h)sprächen“ erst einmal Zeit, miteinander in einen Dialog zu treten und Vertrauen zueinander zu gewinnen. Erst dann geht es an die eingemachten Themen. Dafür braucht es mindestens zwei Tage. Überraschend dabei: Es sind fast immer die zwischenmenschlichen Dinge, die den Menschen auf den Nägeln brennen, weniger Fragen der Arbeitsorganisation an sich. „Offenheit, Transparenz, Wertschätzung – das fehlt in den meisten Unternehmen.“ Und damit Werte, wie sie die Genossenschaftswelt hochhält. Erwin Schottler nickt. Und hebt einschränkend die Hand: „Aber selbst da werden sie oft nicht mehr gelebt.“ Eigentlich schade, findet er. 

    Denn: „Nie war die Zeit seit Entstehung der Idee reifer für Genossenschaften.“ 

    Seine Coachings, die er für Kunden der ADG anbietet, bestätigen ihn darin. „Der Anspruch ist bei allen sehr hoch, aber vielen ist auch bewusst, dass sie die Werte nicht konsequent umsetzen.“


    Respekt und Anerkennung machen Unternehmen erfolgreich

    Da stellt sich unweigerlich die Frage, wie das gehen soll. Erwin Schottler bleibt nach seinen Waldseminaren dran, wertet die Ergebnisse aus, leitet Handlungsempfehlungen ab, hakt bei den Firmen nach, was sie bereits in die Wege geleitet haben, oder kommt vorbei, um sich persönlich von den Fortschritten zu überzeugen. Vor allem rät er seinen Teilnehmern eins: „Geht immer raus in die Natur.“ Die Inspiration und die Glücksgefühle, aber auch die Demut gegenüber der Natur und ihren Kräften, die der Wald den Menschen mitgebe, sei der beste Garant, einander mit Respekt und Anerkennung zu begegnen – und damit auch den Unternehmenserfolg zu steigern: 

    „Wertschätzung schafft Wertschöpfung“, bringt er es auf den Punkt. „Der Umgang miteinander wird als elementar wahrgenommen.“ 

    Wenn man den Mann aus der Pfalz eine Weile so reden hört, kann man sich seiner sprühenden Energie irgendwann nicht mehr entziehen. Da ist einer, der auch trotz bitterer zwischenmenschlicher Erfahrungen im Leben sein Gleichgewicht gefunden hat. Und der heute sogar für diese dunklen Momente Dankbarkeit empfindet: „Ohne die herben Enttäuschungen hätte ich vielleicht den unglaublichen Wert so gar nicht erkannt, den die Natur für Körper und Geist hat.“ Er rechnet vor: Ein Fünftel aller Arbeitsausfälle in Unternehmen beruht auf Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, gefolgt von Atemwegserkrankungen sowie mittlerweile psychischen Störungen auf Platz drei. Letztere sind aber mit durchschnittlich mehr als 26 Tagen Behandlungsdauer pro Fall die hartnäckigsten Krankheiten. Doch auch die anderen Erkrankungen seien praktisch immer auch an die Psyche gekoppelt. „Symptome wie Depression, Angst oder Einsamkeit greifen direkt das Schmerzzentrum und auch das Immunsystem an.“ Wenn in einem Unternehmen also eine Atmosphäre der Kontrolle und des Misstrauens herrsche, könne man mit Sicherheit von einer hohen Anzahl von Fehltagen bei den Mitarbeitern ausgehen.


    Weicher Schlappen oder Stahlkappen im Schuh?

    Wenn Erwin Schottler derartige Zusammenhänge in seinen Vorträgen vor Führungskräften anspricht, geht oft ein Raunen durch die Reihen. „Es ist ein wunder Punkt.“ Führungskräfte, sagt er, steckten in zwei unterschiedlichen Schuhen. Der eine Schuh, das sei die Fachkompetenz: „Des is a weicher Schlappen.“ Der andere Schuh: menschliche Kompetenz. „Da haben viele Vorgesetzte leider Stahlkappen drin.“

     

    Mehr Infos über Erwin Schottler: www.donnersberger.de